Ein beeindruckender Abend: Der ehemalige Staatsanwalt G. Wiese an der HBS
In der Aula der Heinrich-Böll-Schule lauschten am 11. März über 300 Zuhörerinnen und Zuhörer, darunter etwa 150 Schülerinnen und Schüler, den Ausführungen des Referenten Gerhard Wiese.
Der 97jährige Zeitzeuge, als Staatsanwalt in den sechziger Jahren am Auschwitz-Prozess (1963 bis 1965) maßgeblich beteiligt, erzählte von seinem außergewöhnlichen Werdegang. Mit 15 Jahren als Flakhelfer eingezogen, geriet Wiesel Anfang 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Freilassung studierte er anschließend Jura und war nach Abschluss seines Studiums bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt tätig.
Nachdem Im Januar 1959 dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer authentische Dokumente zugespielt worden waren, die gezielte Tötungen von Auschwitz-Häftlingen durch SS-Leute belegten, stellte Bauer Anfang der 60er Jahre eine Gruppe junger, unbelasteter Staatsanwälte zusammen, die gegen die NS-Verbrecher des Konzentrationslager Auschwitz ermittelten. Der Generalstaatsanwalt hatte sich zuvor dafür eingesetzt, die unterschiedlichen Ermittlungen in Frankfurt zusammenzuführen. Zu Bauers „junger Garde“, wie die Gruppe von Staatsanwälten damals genannt wurde, zählte auch Wiesel, der gegen die beiden grausamsten Täter, unter diese der berüchtigte Wilhelm Boger, die Anklageschrift verfasste.
Beeindruckend schilderte Wiesel, wie aus Ermittlungsgründen das Gericht das Konzentrationslager Auschwitz besuchte, um Zeugenaussagen – etwa bezüglich der Ermordung von Häftlingen an der sogenannten „Schwarzen Wand“ – zu überprüfen. Auf eine Frage aus dem Publikum, wie man Derartiges aushalten könne, antwortete Wiesel, man dürfe diese Dinge nicht mit nach Hause tragen.
Der Frankfurter Auschwitz-Prozess war zwar nicht das längste NS-Verfahren in der Geschichte der Bundesrepublik, dafür aber das sicherlich öffentlichkeitswirksamste und langfristig bedeutendste. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft wurde zum ersten Mal schonungslos und umfassend mit dem Völkermord konfrontiert, insbesondere durch die zahlreichen erschütternden Zeugenaussagen – getätigt von Opfern, die erstmals über die Gräueltaten in der Öffentlichkeit sprachen. Durch diesen Prozess wurde mit dem jahrelangen kollektiven Beschweigen, Verdrängen und Vertuschen in den beiden Jahrzehnten nach 1945 ein Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik eingeleitet.
Dass einer der in aufklärerischem Sinne tätige Zeitzeuge die Heinrich-Böll-Schule besuchte, war für alle Anwesenden ein ergreifendes Ereignis. Menschen wie Gerhard Wiese, die immer noch ihre Stimme erheben, um über die furchtbaren Verbrechen, die von den Nationalsozialisten verübt wurden, zu informieren, verdienen unseren größten Respekt. Der Rechtsstaat braucht gerade heute Juristinnen und Juristen, die Menschenwürde und Demokratie verteidigen.
Wir wünschen Herrn Wiese, bei dem wir uns für den eindrucksvollen Vortrag herzlich bedanken, für sein (hoffentlich noch langes) Wirken Kraft und Gesundheit!