Aktuelles

Böll-Jahr 2017: Ein Abend mit Heinrich Böll - Hattersheimer Stadtanzeiger vom 16.02.2017

HATTERSHEIM (ak) - Mit einem beeindruckenden Programm aus Performance, Tanz und szenischem Spiel würdigten Schülerinnen und Schüler des Profilbildungskurses Darstellendes Spiel unter Leitung von Politik- und Wirtschaftslehrerin Andrea Krieger, des Sportkurses E unter Leitung von Sport- und Biologielehrerin Helena Völker und des Musikkurses Q der Hattersheimer Heinrich-Böll-Schule unter Leitung von Deutsch­ und Musiklehrerin Gaby Dölling am Mittwoch der letzten Woche den Namensgeber ihrer Schule, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.

Ideenreich, ausdrucksstark und sehr unterhaltsam gingen die Darsteller, Tänzer und Musiker dabei nicht nur der Frage nach: „Was ist wirklich wichtig?“, sondern sie beleuchteten auch die Aktualität von Bölls Gedanken zu diesem Thema sowie die Rolle, die Heinrich Böll heute noch an ihrer Schule spielt.

In einer einleitenden Performance mit Ei und Glückskeksen stellte Andrea Krieger die Frage des Abends an einen ihrer Schüler: „Kannst du mir eigentlich sagen, was wirklich wichtig ist?“ Die Antwort war schon klar: „Keine Ahnung, Frau Krieger.“

Der Tanz „Anonymität“ von Schülern mit weißen Masken vor den Gesichtern, die nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf einem Laufsteg zwischen den Zuschauerreihen agierten, ging nahtlos in die Szene „An der Brücke“ aus dem Nachkriegsjahr 1949 über, in welcher der Böll'sche Protagonist sinnlos zahllose gesichtslose Menschen zu zählen hat, während wegen der nutzlosen Anhäufung von Daten das Leben und seine Liebe anonym an ihm vorbei ziehen. Ein sehr expressiv dargebotener Tanz mit dem Titel „Liebe“ schließt das hoffnungslos wirkende Bild auf der Bühne ab.

Die Moderatorinnen des Abends, Talha Ergül und Sara Köktatar, machten ernst auf den sehr aktuellen Bezug aufmerksam, den "Auf der Brücke etwa durch Medien wie Facebook (FB) heute bekommt: „Die Individualität wird durch FB heute sehr stark in den Hintergrund gedrängt."

Der Frage „Welche Rolle spielt Heinrich Böll heute noch an unserer Schule?“ ging man in zwei lockeren Akten nach, von denen sich der erste im Lehrerzimmer der HBS während einer Fachkonferenz Deutsch am Nachmittag abspielte. Die Lehrerinnen Melanie Ferchland, Sarah Hoffmann, Anna Wieden sowie ihre Kollegen Hans-Jürgen Niehörster und Peter Schmutzler stellten sich, dabei sehr humorvoll und selbstironisch der Frage, ob die HBS-Schüler eigentlich etwas über den Namensgeber ihrer

Schule wissen sollten. „Ich weiß net, der iss immer so moralisch“ war da eine Ansicht, oder auch „Warum soll merr da was mache? Nur weil der 100 geworn is?“ Viel Gelächter brachte den Darstellern die Erkenntnis ein, dass die heutigen Schüler – „wenn man Glück hat“ - wissen, dass Heinrich Böll Schriftsteller war. „Wenn nicht, dann denke se vielleicht, es is en Spieler von de Eintracht."

Als Gegenstück dazu unterhielten sich im nächsten ten Bild zwei Schüler mit einer jungen Germanistik-Studentin, die Hilfe bei der Lektüre eines Buches von Böll gebrauchen konnte. "Wisst Ihr was von dem?", fragt die junge Dame hoffnungsvoll - und wird doch enttäuscht von der mageren Antwort: „Na klar, das ist der Namensgeber unserer Schule.“

Die absurde, aber denkbare Szene „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ aus dem Jahr 1955 wurde von den HBS-Schülern basierend auf dem Film von Dieter Hildebrandt auf die Bühne gebracht. Dass bei dieser ganz speziellen Inszenierung der Böll'schen Kulturbetriebspersiflage die Stimmen nicht von den Darstellern selbst, sondern aus dem Off gesprochen wurden, erzielte einen ganz besonders fesselnden Effekt, konnten sich die Schauspieler doch ganz auf ihre Mimik konzentrieren - einige schräge Einfälle wie die besondere Telefonklingel erheiterten die Zuschauer zusätzlich sehr. Anschließend rundeten Schülerinnen mit dem Tanz „Selbstdarstellung“ die Aufführung sehr gelungen ab.

Auch die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Heinrich Böll aus dem Jahr 1963 wurde von den Schülerinnen und Schülern der HBS spannend und witzig in Szene gesetzt: Parallel zum auf Bildern gezeigten ursprünglichen Text der Unterhaltung zwischen dem Touristen und dem Fischer spielten die Schüler ein in die heutige Zeit versetztes· Stück, in dem eine Musikproduzentin, getrieben von ihren gleich vier „Guten Geistern“ Fleiß, Ordnung, Pflichtbewusstsein und Ehrgeiz (die Muße gibt es auch, sie „platzt manchmal in den Kopf und schaut sich um, einfach so“, aber die „Guten Geister“ sagen ihr natürlich sofort den Kampf an), nur für ihre Arbeit lebt und am Ende trotz aller Anstrengungen ihre Partnerin verliert und einen jungen Musiker nicht davon überzeugen kann, es ihr gleich zu tun. Auch heute hat die Antwort auf die Aussicht, sich später einfach mal beruhigt ausruhen und Muße haben zu können, wenn man vorher nur genug und viel gearbeitet hat, noch den gleichen Effekt wie zu Heinrich Bölls Zeiten: „Aber das tu ich doch jetzt schon“, wenn ich einfach nicht so viel schufte.

Die Moderatorinnen bereiteten die Zuschauer vor der letzten Inszenierung auf die „wohl skurrilste und abgedrehteste des Abends“ vor, in der eine „völlig überdrehte Arbeitswelt geschildert werden würde“: „Es wird etwas geschehen“ aus dem Jahr 1956 stand als letzter Programmpunkt an, und sie wurde der Ankündigung gerecht: Mit viel Spielfreude agierten die jungen DarstellerInnen voll von hektischem Arbeitseifer zwischen vielen Telefonen, mit den Füßen noch auf der Nähmaschine und schließlich am Ende dann doch nur als Trauerbegleiterin still einen Blumenstrauß hinter dem Sarg des Kollegen tragend.

Dem Dank von Dr. Dietrich Heither, dem stellvertretenden Schulleiter der HBS, an alle Darsteller und alle an der Inszenierung Beteiligten konnte man sich als Zuschauer nur uneingeschränkt anschließen - der „Abend mit Heinrich Böll“ war rundum gelungen, auch der Hoffnung von Dr. Heither, die Inszenierungen vielleicht während der kommenden Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll noch einmal sehen zu können, schließt man sich nach so guter Unterhaltung gerne an.

 

 

Stimmen zum Heinrich-Böll-Abend

„Der Abend hat mich dazu angeregt, aus dem Rahmen zu denken, z.B. über die kritischen Aspekte der Arbeitswelt.“ (Shannon Neudek, Schülerin)

„Ein lustiger Abend. Ich habe von den darstellenden Lehrerinnen und Lehrern neue und überraschende Eindrücke gewonnen. Die Inszenierung zur Geschichte „An der Brücke“ fand ich sehr philosophisch und die Fotostory zur „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ hat gut zur Geschichte gepasst und war sehr unterhaltsam.“ (Tim Goger, Schüler)

„Ich fand den Abend abwechslungsreich und unterhaltsam, da er lustige, lehrreiche und dramatische Momente enthielt. Die schauspielerische Leistung sowie die Choreographie der Tänze haben mich sehr beeindruckt.“ (Niklas Medak, Schüler)

„Ein toller Abend. Schon die Vorbereitung unserer Lehrerinnen- und Lehrerszene hat viel Freude bereitet. Die Art der Inszenierungen bewirkte, dass der Aktualitätsbezug von Bölls Kurzgeschichten sehr deutlich wurde. Bölls satirische Sicht auf die Arbeits- und Medienwelt der 50er und 60er Jahre gilt heute mehr denn je; man kann sagen, die inszenierten Kurzgeschichten des Namengebers unserer Schule beinhalten ein geradezu prophetisches Potential, das seine gesellschaftskritische Kraft auch oder gerade im 21. Jahrhundert entfalten kann.“ (Hans-Jürgen Niehörster, Lehrer)

„Der Zusammenhang von Dieter Bohlen, Eintracht Frankfurt, „angefüllten Hühnern“ und Heinrich Böll ist an diesem Abend deutlich geworden. Ich habe die Hoffnung, dass wir eine weitere Aufführung im Laufe des Jahres erleben können, auch wenn der Kurs bereits beendet ist.“ (Dr. Dietrich Heither, stellvertretender Schulleiter)

„Ich habe wieder Lust auf Böll bekommen. So kann man Böll auch jungen Menschen vermitteln. Pädagogisch fand ich den Abend sehr wertvoll.“ (Dominik Stein, Lehrer)